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Wenn Wissen weh tut

Interview im Stadtgeflüster Münster Ausgabe 04 April 2017 (noch nicht digital)

Überglücklich schwanger in der neunten Woche und dann das Untersuchungsergebnis:
Das werdende Kind hat einen Herzfehler, wird niemals ohne Hilfe rund um die Uhr leben
können. Abtreiben, oder nicht? Kirsten Achtelik hat eine klare Meinung: gar nicht erst
alle Untersuchungen durchführen lassen, die die pränatale Diagnostik ermöglicht.
Am Telefon erklärt mir die Buchautorin, warum diese Vorsorge uns zu einer
behindertenfeindlichen Gesellschaft macht.

Pränatale Diagnostik – Die Suche nach der Abweichung

in der Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, April 2017, Nummer 4, Schwerpunkt: Ethik in der Heil- und Sonderpädagogik

„PraenaTest® schafft Wissen. Zuverlässig. Schnell. Sicher.“ So wirbt die in Deutschland ansässige Herstellerfirma LifeCodexx bei Schwangeren* für die neuen Methoden der pränatalen Untersuchung auf Trisomien und Geschlechterchromosomenabweichung (LifeCodexx, 2017). Dabei wird wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass „Wissen“ gut und sinnvoll ist und Schwangeren* bei ihren „reproduktiven Entscheidungen“ hilft. Doch von welchen Entscheidungen ist die Rede? Die pränatale Suche nach Behinderungen des Fötus beginnt erst, nachdem die Entscheidung, ob die Schwangerschaft ausgetragen wird, eigentlich schon getroffen wurde. Die reproduktive Entscheidungsfrage lautet also nicht: „Will ich überhaupt ein Kind?“ oder „Kann ich mir jetzt vorstellen, ein Kind zu bekommen?“ Zur Beantwortung dieser Fragen wären pränatale Tests auch denkbar ungeeignet. Die Entscheidungsfrage, auf die die schwangere Person oftmals mehr zuschlittert als bewusst zugeht, ist am Ende der pränatalen Diagnosespirale vielmehr: „Will ich dieses Kind bekommen oder nicht?“ Die Frage, ob man sich das Leben mit einem Kind mit Behinderung vorstellen kann, gilt gesellschaftlich als legitim – die Gesundheitssysteme und Krankenversicherungen betreiben einigen Aufwand, schwangeren Frauen* diese Frage zu ermöglichen bzw. sie dieser Frage überhaupt zuzuführen. Den meisten Schwangeren* wird oft erst im Laufe des Verfahrens klar, dass hier nicht ihre eigentliche Frage, ob alles in Ordnung ist, beantwortet wird, sondern vielmehr systematisch nach dem Fehler am Fötus gesucht wird.

* Der Stern stellt den Versuch dar, Identitäten jenseits der zugeschriebenen Zweigeschlechtlichkeit sichtbar zu machen und zu markieren, dass die Kategorie „Frau“ keine biologische, sondern eine sozial hergestellte ist, hinter der sich unterschiedliche Lebensrealitäten und Erfahrungen verbergen. Menschen mit Uterus sind nicht alle Frauen, nicht alle Frauen* können Kinder bekommen und auch nicht alle Schwangeren* nehmen sich selbst als Frauen wahr.

Selbstbestimmung Abtreibung Behinderung

in der AS.ISM4 – Streitschrift gegen sexistische Zustände

Niemandem gefällt es, wenn immer andere bestimmen, was man tun und lassen soll. Darum wehren sich Menschen gegen Unterdrückung und Diskriminierung. Sie schließen sich zu Bewegungen zusammen, um für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen. Um eine Person zu sein, die selbst entscheiden kann, muss man als autonome, zu freien Entscheidungen über die eigene Lebensführung fähige und berechtigte Person gesellschaftlich anerkannt werden. Dies wurde früher nur weißen, heterosexuellen, bürgerlichen Männern* zugestanden – Frauen* und Behinderte mussten sich das erst erkämpfen.

Für die westliche feministische Bewegung ist Selbstbestimmung gleichzeitig Weg und Ziel der Selbstbefreiung. In der BRD bildete sich diese Idee im Kampf gegen das Abtreibungsverbot seit Anfang der 1970er Jahre heraus. Das Konzept Selbstbestimmung wird als Abwehr äußerer Einflüsse auf die Entscheidungen von schwangeren Menschen verstanden. Soziale Bewegungen gebrauchen den Begriff aber gewöhnlich in einem weiteren Sinne, der die Hoffnung beinhaltet, dass mit der Erweiterung der persönlichen Autonomie der Einzelnen auch die ganze Gesellschaft freier wird.

An der Abtreibungsregelung wurde und wird kritisiert, dass Schwangere nicht selbst über ihren Körper und ihre Fruchtbarkeit, also ob sie Kinder bekommen wollen oder nicht,entscheiden dürfen. Rechtlich wird das in Deutschland durch den Paragraphen 218 ff. im Strafgesetzbuch geregelt, der unter anderem Schwangere dazu verpflichtet, vor einer Abtreibung zu einer Zwangsberatung zu gehen. Außerdem gibt es eine moralische Verurteilung von Frauen*, die kein Kind haben wollen und deswegen abtreiben wollen oder abgetrieben haben. Die feministische Bewegung arbeitet neuerdings wieder verstärkt daran,diese Verbote abzuschaffen und dafür, dass die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch akzeptiert und nicht kritisiert wird.

mehr … Selbstbestimmung Abtreibung Behinderung

Radiointerview mit Radio FRO 105,0

Feministische Kontroversen: Der Begriff der Selbstbestimmung und die Praxis der Pränataldiagnostik/selektiver Abtreibung

Im Oktober war sie auf Lesereise in Österreich, um ihr 2015 im Verbrecherverlag erschienenes Buch „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ vorzustellen. In dem Buch beschäftigt sie sich zum einen bewegungsgeschichtlich mit den feministischen Kämpfen um Abtreibung in der BRD, als auch mit der Behindertenrechtsbewegung. Sie bringt diese durch eine kritische Diskussion des Selbstbestimmungsbegriffes zusammen. Im Fokus steht ihre Auseinandersetzung mit selektiver Pränataldiagnostik, die mittlerweile, wenn eine Behinderung des Kindes angenommen wird, meistens zur Abtreibung führt.

Sie plädiert an Feminist_innen und Abtreibungsaktivist_innen, aktuelle Entwicklungen rund um Pränataldiagnostik und die Auswirkungen von selektiver Abtreibung nicht außer Acht zu lassen, sondern diese zu diskutieren und Stellung zu beziehen. Dabei geht es ihr auch darum, das Thema nicht den sogenannten Lebensschützern zu überlassen, die auf ihren „Märschen für das Leben“ Menschen mit Behinderung immer stärker einbinden, um Frauen das Recht auf Abtreibung generell abzusprechen. Im Gespräch macht Achtelik konkrete Vorschläge, um einer Normalisierung selektiver Diagnostik entgegenzuwirken und die Selbstbestimmung von schwangeren Frauen  zu stärken.

Christiane Löper, Redakteurin bei Radio Fro traf Kirsten Achtelik Interview in Salzburg.

06.07.2017 – Mainz

18 – 20 Uhr in der Heinrich Böll Stiftung, Walpodenstr. 10 in Mainz, Veranstalter Frauenzentrum Mainz in Kooperation mit pro familia Zentrum Mainz, Heinrich Böll Stiftung RLP

Vortrag von Kirsten Achtelik

Wie selbstbestimmt kann eine Entscheidung über pränataldiagnostische Untersuchungen in einer Gesellschaft sein, in der Behinderung immer noch als problematisch und schwierig angesehen wird?
Pränataldiagnostik ist ein komplexes und umstrittenes Thema. Befürworter_innen betonen das Recht auf Wissen, Kritiker_innen fordern ein Recht auf Nichtwissen ein. Dissens besteht auch darüber, welche Untersuchungen für die Gesundheit von Schwangeren und werdenden Kindern wichtig sind. Mit der Ausweitung diagnostischer Methoden – wie etwa dem nicht invasiven Bluttest PraenaTest – steigt der Druck auf Schwangere alle medizinischen Möglichkeiten zum Ausschluss einer Behinderung auszuschöpfen. Können Beratung und Information dieser Dynamik genug entgegensetzen?
Kirsten Achtelik diskutiert in ihrem Vortrag, wie die Forderung nach einem Recht auf Abtreibung mit einer feminisischen Kritik an Pränataldiagnostik zusammengedacht werden kann.

03.07.2017 – Frankfurt

20 Uhr, KARL MARX BUCHHANDLUNG, Jordanstr. 11

Selbstbestimmung ist eine der zentralen Forderungen sozialer Bewegungen im Anschluss an die Revolten der 1960er Jahre gewesen. Insbesondere die Frauenbewegung und – allzu oft vergessen – die Behindertenbewegung haben sich an der Ausgestaltung dieser Forderung abgearbeitet. Selbstbestimmung über die eigenen reproduktiven Möglichkeiten aus feministischer Sicht und Selbstbestimmung über ein Leben mit Behinderung können jedoch in Widerspruch zueinander treten.
Kirsten Achtelik nimmt in ihrem Buch „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ die historische Phase nach Beendigung der mörderischen Eugenik im Nationalsozialismus in den Blick. In der Bundesrepublik wurden zunehmend modernisierte und individualisierte Argumente zur Begündung von selektiver Pränataldiagnostik verwendet – Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und die Verhinderung von Leid. Die vermeintlich freie, individuelle Entscheidung führt in Kombination mit gesellschaftlicher Behindertenfeindlichkeit (Ableism) zu der immer gleichen Entscheidung: Etwa neun von zehn Frauen entscheiden sich heute bei der Diagnose „Trisomie 21“ zum Schwangerschaftsabbruch.
Achtelik setzt der selektiven pränatalen Suche nach Behinderung eine „Selbstbestimmung ohne Selektion“ entgegen. Wie diese aussehen kann und welche Fallstricke diese Debatte enthält, darüber diskutieren wir mit der Autorin anlässlich ihrer Buchvorstellung.

11.06.17 – Frankfurt

Podiumsdiskussion: Technologie. Reproduktion. Reprorevolution?

organisiert von Kritik&Praxis – radikale Linke Frankfurt

19:00 – 22:30 Kunstverein Familie Montez, Honsellstrasse, 60314 Frankfurt am Main

Medizin und Pharmakologie eröffnen heute neue Möglichkeiten für eine Reproduktion der menschlichen Gattung, die sich von der Natur als „Schicksal“ lösen kann. Ebenso offenbart sich Zweigeschlechtlichkeit damit als ein immer sozial wie technisch hergestelltes Konstrukt. Allerdings vollzieht sich diese Entwicklung unter den Bedingungen eines expandieren, globalen Marktes: Ein Outsourcing des Biologischen, z.B. durch Eizellenentnahme und Leihmutterschaft, an meist prekarisierten Frauen ist die Folge. Daher stellt sich die Frage: Warum ist es nicht möglich, den technologischen Fortschritt zu nutzen, um die Reproduktion kollektiv zu organisieren und das Patriarchat sowie das binäre Geschlechterverhältnis auf den Müllhaufen der Geschichte zu katapultieren? Wir wollen diskutieren, wie Gen- und Reproduktionstechnologien die gegenwärtigen Machtverhältnisse reproduzieren und strukturieren.

Mit Kirsten Achtelik und Johannes Paul Raether

01.06.17 – Gießen

Vortrag und Diskussion: „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ mit Kirsten Achtelik

Sollen Feministinnen jede Art von Abtreibung verteidigen? Können Entscheidungen überhaupt selbstbestimmt getroffen werden? Welche Art von Wissen entsteht durch pränatale Untersuchungen? Dienen sie der Vorsorge oder sind sie behindertenfeindlich?

Unterstützt durch die Arbeitsstelle Gender Studies (AGS) und das Gießener Graduiertenzentrum Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften (GGS)
20:00 bis 21:30 Uhr Goethestraße 58, 35390 Gießen – Raum 201 (barrierefrei)

Redebeitrag Kundgebung Münster

Bei den Protesten gegen den „1000 Kreuze Marsch“ in Münster (übrigens mit AfD-Beteiligung) am 18. März 2017 hab ich eine kleine Rede darüber gehalten, warum es wichtig ist, sich gegen „Lebenschützer“ und pränatale Diagnostik einzusetzen:

Liebe Leute,

herzliche und kämpferische Grüße aus Berlin!

Die Diskussionen um Abtreibung, aber auch um Pränataldiagnostik und Behinderung haben im vergangenen Jahr zugenommen. Die Initiative polnischer „Lebensschützer“, das dortige ohnehin restriktive Abtreibungsgesetz massiv zu verschärfen, schaffte es zwar ins Parlament – riesige Proteste brachten die Regierungspartei PiS jedoch dazu, ihre Unterstützung zurückzuziehen. In Deutschland gab es mehrere Versuche, unter Berufung auf das Recht auf ärztliche Gewissensfreiheit Kliniken und ganze Regierungsbezirke „abtreibungsfrei“ zu machen (Schaumburg, Dannenberg). Dies konnten Aktivist*innen durch Öffentlichkeitsarbeit und Protest glücklicherweise verhindern.

In den öffentlichen und medialen Debatten um Pränataldiagnostik und die neuen Bluttests auf Trisomien ist zu viel von „ungeborenem Leben“ und zu wenig von Behindertenfeindlichkeit die Rede.

Die Kämpfe der Behindertenbewegung für ein gutes Teilhabegesetz waren energisch und teilweise erfolgreich. Hier waren Feminist*innen und Linke leider zu wenig solidarisch.

Die heutige Demo setzt diesen Tendenzen das Motto: „Für ein selbstbestimmtes Leben in einer herrschaftsfreien Gesellschaft“ entgegen.

„Selbstbestimmung“ ist kein eindeutig emanzipatorischer, positiver Begriff, sondern ein ambivalenter Begriff. Er ist in Richtung Selbstoptimierung, Neoliberalismus und Individualismus offen. Was Menschen, was Frauen, was schwangere Personen wollen, muss nicht gut, emanzipatorisch und befreiend sein. Wenn wir eine radikale Veränderung gesellschaftlicher, sozialer und ökonomischer Machtverhältnisse erreichen wollen, sollten wir diese Probleme miteinander diskutieren und zu einer reflektierten Antwort kommen, die gesellschaftliche Behindertenfeindlichkeit/Ableism angreift und die „Lebensschützer“!

Feministinnen mit und ohne Behinderung fordern ein Recht auf Entscheidungen über den eigenen Körper für jede Person ein. Niemand soll mit Strafgesetzen, Zwangsberatung, „Gehsteigberatung“ oder sonstigen Maßnahmen dazu gebracht werden, schwanger zu sein, wenn sie es nicht will. Es muss ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch geben. Aber es gibt kein Recht auf ein „gesundes“ Kind.

An pränataler Diagnostik kritisieren wir den zugrunde liegenden selektiven Blick, der als „das muss doch heute nicht mehr sein“ mit Behinderung lebende Kinder und Erwachsene trifft. Viele pränatale Untersuchungsangebote suchen nicht nach medizinisch behandelbaren Problemen, sondern nach Abweichungen von der Norm. Dies vermittelt ein problematisches Bild von Behinderung, als wäre eine Behinderung automatisch mit Leiden, Schmerzen und Belastungen verbunden.

Die Normalisierung dieser selektiven pränatalen Untersuchungen macht es schwierig, sich diesen „Angeboten“ zu entziehen. Schwangere fühlen sich verpflichtet, möglichst alle Untersuchungen machen zu lassen, um das vermeintlich Beste für ihr werdendes Kind zu tun. Ängste vor Behinderung werden durch diese „Angebote“ eher geschürt als abgebaut.

Manche Feminist*innen verstehen diese Untersuchungen als Ausweitung der Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Frauen*. Mit den Ergebnissen pränataler Untersuchungen könnten sie besser entscheiden, was gut für sie ist. Sie werfen feministischen Kritiker*nnen pränataler Untersuchungen vor, eine Brücke zu den „Lebensschützern“ zu bauen, von denen man sich doch maximal abgrenzen müsse.

In einer von vielfältigen Herrschaftsverhältnissen durchzogenen Welt ist aber der bloße Ruf nach Selbstbestimmung ein stumpfes Schwert. Maximal abgrenzen von rechten und reaktionären Tendenzen können wir uns nur, indem wir alle Herrschaftsverhältnisse angreifen, die Menschen aussondern, verächtlich machen und unterdrücken!

Redebeitrag Demo Annaberg-Buchholz

Rede gehalten am 06. Juni 2016 bei der Demonstration gegen den Schweigemarsch in Annaberg-Buchholz/Erzgebirge

Martin Lohmann, der Vorsitzende des Bundesverband Lebensrecht hat eben auf der Abschlußkundgebung der selbsternannten Lebensschützer gesagt, dass wir, also die Gegendemonstrant_innen ein „komatisiertes Gewissen“ hätten und gar nicht wüßten, warum wir eigentlich hier sind. Das wissen wir aber nur zu gut, weil wir nämlich nicht zulassen wollen, dass Leute wie Herr Lohmann über die Körper von Frauen bestimmen!
Wir wissen allerdings auch, dass wir noch viel diskutieren müssen um unsere eigenen Positionen zu schärfen. Eine der Fragen, die wir uns dabei stellen müssen ist: Wie kann eine feministische Position aussehen, die das Recht auf Abtreibung verteidigt, sich aber gegen pränatale Diagnostik (PND) und selektive Abbrüche ausspricht?
Für die selbst ernannten Lebensschützer, gegen die wir heute protestieren, ist „jedes Leben wertvoll“, wertvoll für Gott, meinen sie damit. Schützenswertes menschliches Leben beginnt für sie bereits mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Sie gehen daher von einer direkten Diskriminierung behinderter Föten durch PND und PID aus: Embryonen und Föten mit festgestellten Beeinträchtigungen würden durch die Nichteinpflanzung bzw. Abtreibung schlechter behandelt als solche ohne auffällige Diagnosen.
Feministinnen mit und ohne Behinderung fordern dagegen ein Recht auf Entscheidungen über den eigenen Körper für jede Person ein. Niemand soll mit Strafgesetzen, Zwangsberatung, „Gehsteigberatung“ oder sonstigen Maßnahmen dazu gebracht werden darf, schwanger zu sein, wenn sie es nicht will.

An pränataler Diagnostik kritisieren wir den zugrunde liegenden selektiven Blick, der als „das muss doch heute nicht mehr sein“ mit Behinderung lebende Kinder und Erwachsene trifft. Jedes Untersuchungsangebot, das pränatal nicht nach medizinisch behandelbaren Problemen, sondern nach Abweichungen von der Norm sucht, transportiert ein Bild von Behinderung, als mit Leiden, Schmerzen und Belastungen verbundenen Zustand.
Die Normalisierung dieser Untersuchungen macht es schwierig, sich diesen „Angeboten“ zu entziehen. Schwangere fühlen sich verpflichtet, möglichst viel abchecken zu lassen, um „das Beste“ für ihr werdendes Kind zu tun. Ängste vor Behinderung werden dadurch eher geschürt als abgebaut.
Manche Feminist*innen verstehen diese Untersuchungen dagegen als Ausweitung der Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Frauen. Mit den Ergebnissen pränataler Untersuchungen könnten sie besser entscheiden, was gut für sie ist. Sie werfen feministischen Kritiker*Innen pränataler Untersuchungen vor eine Flanke zu den Lebensschützern aufzumachen, von denen man sich doch maximal abgrenzen müsse.
„Selbstbestimmung“ ist jedoch kein eindeutig emanzipatorischer, positiver Begriff, sondern ein ambivalenter, der in Richtung optimierter Selbstverwertung und neoliberalem, konsumistischem Individualismus offen ist. Was Menschen, auch Frauen wollen, muss nicht gut, emanzipatorisch und befreiend sein. Wenn wir eine radikale Veränderung gesellschaftlicher, sozialer und ökonomischer Machtverhältnisse erreichen wollen, sollten wir diese Probleme miteinander diskutieren und zu einer reflektierten Antwort kommen, die gesellschaftliche Behindertenfeindlichkeit/Ableism angreift und die „Lebensschützer“!